1991 hatte eine junge Frau, 21 Jahre alt, einen schweren Verkehrsunfall. Ein anderes Auto kam ihr auf schneebedeckter Fahrbahn in einer kalten Winternacht entgegen. Sie wollte mit ihrem Freund zur Theaterprobe. Ein lauter Schlag drang durch Ohren und aufgeschreckte Seele. Danach Bewußtlosigkeit. Nach dem Erwachen Blaulichter, Sirenen, fragende Polizeibeamte. Der Freund wurde abtransportiert. Sie stand plötzlich allein da, in der Kälte der Nacht. Einfach vergessen worden. Sie trampte nach Hause, Schmerzen überall, blutende Zunge, der Schock fuhr ihr durch die Glieder. Irgendwann schlief sie zu Hause ein, erwachte aber immer wieder und in ihrem Kopf wie eingebrannt das Bild der plötzlich auftauchenden Scheinwerfer. Sie konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen.
Am nächsten Tag zum Arzt. Schleudertrauma, Verstauchungen, Prellungen wurden festgestellt. Sie soll eine Reizstrombehandlung machen. Mitten in der Behandlung bekam sie Panik. Der Strom in ihrem Körper versetzte sie in Zustand von Panik, so dass sie aufsprang und sich die Elektroden vom Leib riss. Sie schlief schlecht in den nächsten Tagen und konnte sich auch schlecht konzentrieren.
Der Freund feierte sein bestandenes Diplom. Ihr ging es schlecht. Der Arzt bemerkte den Zustand und schickte sie zu einer niedergelassenen Neurologin und Psychiaterin. Sie ging hin. Sie wusste nicht, was sie erwartete. Sie sagte der Ärztin, sie wolle über alles reden. Ob das möglich sei. Sie wisse, dass sie ausgebildete Therapeutin sei. Doch die Therapeutin meinte, dazu sei sie zu unruhig. Sie brauche Medikamente. Das lehnte die junge Frau ab. Es ging ihr aber nicht besser in der folgenden Zeit und sie ging noch ein paar Mal zu dieser Ärztin. Dann gab die Medizinerin ihr eine Depotspritze mit Neuroleptika. Die junge Frau wollte das nicht.
Nach zwei Tagen fühlte sie sich grausam. Sie hatte das Gefühl, völlig zu entgleisen. Sie war sich entsetzlich fremd, konnte kaum mehr denken. Das machte ihr Angst. Sie ging zu ihrem Hausarzt und erzählte aufgeregt von der Spritze und diesem schrecklichen Zustand jetzt. Der ließ sie in eine psychiatrische Klinik bringen. Noch am selben Tage entwickelte sie eine generalisierte Dystonie. Sämtliche Muskeln ihres Körpers spannten sich unkontrolliert an, der Hals zog den Kopf nach hinten. Es tat sehr weh, es machte der Frau Angst. Sie gaben ihr ein Gegenmittel mit Spritzen, dann trat sie weg. Am nächsten Tag wollte sie aufstehen, wußte kaum mehr, wo sie war, die Beine waren so schwach, dass sie nicht gehen konnte und sehen konnte sie auch kaum. Eine Ärztin wollte sie sprechen. Sie sagte, die junge Frau hätte wohl eine beginnende Psychose..., sie müsse Medikamente nehmen... Sie bekam während des Gesprächs wieder diesen Krampf und man gab ihr wieder eine Spritze mit Antiparkinsonmittel.Auf eigenen Wunsch entließ man sie. Sie mußte das Krampflösende Medikament noch mehrere Wochen nehmen. Sie fühlte sich grausam... . Hier kürze ich die Geschichte ab. Es folgten Kämpfe gegen Stigmatisierung, Medikamentensucht, eine geschlossene Psychiatrische Station, Fehldiagnosen, Zwangsbehandlungen. Dann kam der Verlust jeglichen Sich Wehrens und zunehmend vergaß sie ihr ursprüngliches Wesen und ihr ich. Unter den Medikamenten, die man ihr gab, bekam sie sofort Angstzustände, die später bis hin zu Halluzinationen führten. Die Diagnose Schizophrenie wurde gebraucht. In diesem Zustand dämmerte sie jahrelang, nur noch leis auf eine Besserung hoffend. Sie glaubte, sie sei sehr krank. Dann merkt sie, dass sie abgeschoben wurde. Man sprach von so oder so unheilbarer Krankheit. Das Studium hatte sie längst abgebrochen. Man sagte, die Behandlungen würden bis auf das Standardmaß eingestellt, da man so und so nichts ändern könne... . Sie erinnerte sich aber wieder, dass sie Träume hatte und reduzierte auf eigene Faust die Medikamente. Sie wurde langsam wieder zu einem Wesen mit einem Willen und ihre Persönlichkeit wurde wieder stärker. Sie bat die Ärzte, ihr zu helfen, auch den letzten Rest der Medikamente abzusetzen. Sie hatte Angst vor den Neuroleptika. Doch man setzte sie unter Druck. Man wollte ihr auf keinem Fall bei solch einem verrückten Vorhaben helfen. Schließlich war sie ja unheilbar krank... . Sie bettelte monatelang. Ohne Erfolg. Sie hatte sehr zugenommen unter den Mitteln im Laufe der Jahre. Hatte schwere Nebenwirkungen. Der Kreislauf brach immer wieder Zusammen, die Beine schwollen schnell an. Ganz abgesehen von den seelischen Qualen.... .
Man bot ihr eine Medikamentenumstellung an und sie willigte verzweifelt ein, da sie hoffte, ein anderes Medikament später heimlich selbst absetzen zu können. Bei dem alten konnten die Ärzte immer den Spiegel im Blut messen und war der zu niedrig, dann gab es Druck. Zur Umstellung ging sie ins Krankenhaus. Das war 2001. Man gab ihr von dem neuen Medikament eine entsprechend viel höhere Dosis und man stellte auch zu schnell um. Sie wurde zuerst schlaflos, dann setzte ein belastender Kopfdruck ein. Sie konnte keinen Satz mehr richtig zu ende denken, Panikatacken, Blickkrämpfe. Sie bat um Hilfe. Da stimme etwas nicht, hatte sie immer wieder gesagt, doch man lächelte nur müde. Man nahm diese Frau schon lange nicht mehr ernst. Gegen die Krämpfe gab man ihr am Ende Antiparkinsonmittel. Das wurde dann besser. Die anderen Symptome besserten sich nicht. Als sie erfolgreich umgestellt nach Hause entlassen wurde, konnte sie kaum noch laufen, kotzte die ganze Nacht. Sie schlief dann drei Monate so gut wie gar nicht. Sie bekam heftige Spannungen in Gesicht und Rücken. Die Glieder zuckten, wie auch schon in der Klinik. Das machte ihr Angst, doch sie traute diesen Ärzten nicht mehr. Aus den Spannungen wurden starke Schmerzen, die heute nur mit Morphin etwas gelindert werden können. Sie träumt manchmal von den Ärzten und wacht schweißgebadet auf. Die Schmerzen hat sie nun seit über zwei Jahren. Meistens am ganzen Körper. Seit dieser Umstellung hatte sie keine schmerzfreie Minute. Schlafen kann sie wieder. Aber nur, wenn sie nicht an damals denken muss. Sie nimmt keine Neuroleptika mehr. Schon lange nicht mehr. Sie kann wieder denken, sie kann lieben, sich freuen, ihre Mutter erkennt ihre Tochter wieder, doch die Schmerzen sind geblieben. Sie ist sehr traurig. Sie hat ihre Souveränität endlich wieder, sie ist wieder unabhängig, doch normal Leben kann sie mit der Schädigung nicht. Sie weiss, dass sie keine Psychiater braucht, sie nie gebraucht hat. Übrigens hat man während der Umstellung die Diagnose revidiert. Das war wohl doch ganz anders. Niemand hilft ihr jetzt, man verleugnet jeden Zusammenhang von Schmerzen und Behandlung. Die Frau will das so nicht stehenlassen. Sie geht nun juristisch vor. Es geht um Würde und Verantwortung und um Entschädigung.
Und darum, dass sich eine solche Lebensgeschichte nicht wiederholen darf.
Es geht um mich.